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Freizeit als soziales System?
ulid2006
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Hallo, liebe Luhmänner und -frauen!

Der Titel beschreibt schon recht gut, womit ich mich gerade beschäftige - gibt es eures Wissens nach eine systemtheoretische Betrachtung von Freizeit bzw. Freizeitverhalten?

Mir ist z.B. bekannt, dass Sport bereits (vielfach) als soziales System in der Diskussion stand - sogar einzelne Sportarten lassen sich in dieser Hinsicht laut Bernd Schulze definieren. Doch könnte man ja den Sport - zumindest den nichtprofessionellen Breitensport - auch als Teilmenge von Freizeit beschreiben. Es ist dann die Frage, wie man diese nach ihrer Funktion hin weiter in ein systemtheoretisches Analyseraster pressen kann. Hat sich damit schon jemand beschäftigt?

Viele Grüße
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System
Luhmann-Kenner

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Ich würde Freizeit zunächst versuchen zu definieren, oder einfacher: was ist das Gegenteil von Freizeit? Die umgangssprachliche Differenz von Geldverdienen/Freizeit erscheint mir da unergiebig, da sie sich auflöst in ökonomische/<tbd>-Kommunikation. Was <tbd> also ToBeDefined ist, wäre eine kreative Herausforderung. Dann müsste man sich entscheiden auf welcher Komplexitäts-Ebene man das analysiert, auf Funktionssystem-Ebene oder bei Organisation oder Interaktion? Mehr kann ich leider momentan nicht beisteuern. Ich beschäftigte mich noch nicht damit. Klingt aber spannend. Geht es um eine Hausarbeit?
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ulid2006
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Hallo,

vielen Dank für die Antwort.

"Freizeit" ist in der Tat nur schwerlich definitorisch einzugrenzen - dies sollte man jedoch als ersten Schritt versuchen, da hast du völlig Recht. Aus einer Vielfalt von Bestimmungsversuchen greife ich hier mal auf Lamprecht & Stamm (1994) zurück, die über einen Dreischritt versuchen, dem Begriffswirrwarr Herr zu werden. Demgemäß wird Freizeit "verstanden als freie Zeit (Restzeit), eine Summe von Aktivitäten und als ein relativ eigenständiger Lebensbereich."

Mir ist hier jedoch auch nicht klar, ob man dem mit einem systemtheoretischen Ansatz beikommen könnte, da hier nirgends z.B. auf eine Funktion eingegangen wird, die aber für ein gesellschaftliches Teilsystem immanent wäre. Auch auf Organisationsebene sehe ich Schwierigkeiten, da man Freizeit nicht qua Mitgliedschaft in Anspruch nimmt - zumindest nicht pauschal. Sicherlich ist aber wiederum der Sportvereinsbeitritt eine organisierte Freizeit, während der Strandbesuch dies nicht ist. Insofern auch hier schwer zu fasssen. Zuguterletzt würde ich auch Abstand davon nehmen, Freizeit als Interaktionssystem zu fassen, da man diese auch alleine verbringen kann.

Wenngleich also auf allen Ebenen Fälle denkbar sind, die gegen eine Einordnung von Freizeit als soziales System sprechen, so will ich mich noch nicht gänzlich geschlagen zeigen. Man müsste vielleicht nur eine andere Def. von Freizeit anlegen, eine, die mehr auf die Funktion (Primat) von eben Freizeit abzielt. Dann erscheint mir eine Zurordnung als gesellschaftliches Teilsystem durchaus denkbar...
Da fällt mir aber noch etwas ein/ auf: wenn soz. Systeme aus Kommunikation bestehen, was wird dann in der Freizeit kommuniziert?

Dies sind erst einmal Gedanken von mir. Eine Hausarbeit ist hier nicht angedacht - es geht mir letztlich um die Möglichkeit, verschiedene Konzepte - hier Bourdieus Lebensstil-Konzept und eben die Systemtheorie - verknüpfbar zu gestalten. Aber ich bin mir nicht sicher, inwiefern das machbar und sinnvoll ist....
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ParaDoxa
von Luhmann begeistert

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Freizeit als soziales System definieren zu wollen halte ich ehrlich gesagt für ein aussichtsloses Unterfangen. Es muss ja noch nicht mal auf die Ebene der Funktionssysteme gehoben werden. Aber auch unterhalb dieser: wo ist hier ein geschlossener Kommunikationszusammenhang erkennbar? Ich zumindest sehe keinen.
Statt dessen handelt es sich bei dem Begriff Freizeit doch eher um eine Zuschreibung, um eine besonders geartete Beobachtung innerhalb der Sinndimension "Zeit". Und zwar durchaus unter dem Beobachtungsschema fremdbestimmt/selbstbestimmt oder meinetwegen auch Geldverdienen/Freizeit. Dadurch wird das Ganze auch noch nicht auf das Ökonomische reduziert. Die Fragen, die sich entlang dieser Unterscheidung spinnen lassen sind dann doch: Wie kommt es überhaupt dazu, dass heutzutage so beobachtet wird? Was sagt das über unsere Gesellschaft (und z. B. die Bewertung von "Arbeit") aus? (Zu anderen Zeiten wäre man gar nicht auf die Idee gekommen, so zu beobachten.) Welche Erwartungen werden dann auch an die (Gestaltung der) Freizeit gestellt? Welchem Enttäuschungrisiko setzt man sich damit aus?
Auch eine Verknüpfung mit dem Lebensstil-Begriff halte ich - offengestanden ohne mich konkret mit Bourdieu auszukennen - für denkbar. Interessant wäre doch, darüber zu fabulieren, wie Freizeit innerhalb unterschiedlicher Milieus beobachtet wird. Da könnte man dann auch wieder die Funktionssysteme ins Spiel bringen, dahingehend, woran sich die Freizeit orientiert. Da gibt es dann Leute) für die FZ gleichbedeutend mit Einkaufen ist. Andere, die das Leistungsprinzip aus der Arbeitswelt in den Sport transferieren, und wieder andere die am FZ-Sport gerade schätzen, dass sie hier von der Leistungsnorm entbunden sind. Das geht natürlich auch mit Gartenarbeit. Fùr den nächsten spielt sich FZ in der Familie ab, während andere ihre Zeit erst dann als FZ empfinden, wenn sie endlich mal Zeit nur für sich haben.
An dieser Stelle könnte man die beobachtungsleitende Unterscheidung dann in Richtung angenehm/unangenehm korrigieren. Aber mehr fällt mir jetzt auch nicht ein.
Viel SpaS weiterhin!
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ulid2006
Luhmann suchend

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Ich glaube, dass der auch von dir genannte Kernpunkt der ist, dass "kein geschlossener Kommunikationszusammenhang" vorliegt. Damit hat sich das Gedankenexperiment, Freizeit als Teilsystem zu erachten, schon nahezu erledigt.
Erwartungen an Freizeit aus Blickwinkel sozialer Milieus zu betrachten, erscheint da wesentlich vielversprechender. Damit werde ich mich noch gedanklich auseinandersetzen, da ich das wirklich interessant finde...
Vielen Dank für eure Antworten!
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Freizeit als soziales System?
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