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Luhmann und neuere Modernisierungtheorien
Mari
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Es gibt hier ja schon mehrere "Diskussionen" zu Modernisierung und Luhmann, ich hätte da aber auch noch ein anderes Thema, das mich interessieren würde:

Wie würdet ihr Luhmann in Bezug auf "neuere" Modernisierngstheorien positionieren? Was müsste man aush Systemtheoretischer Perspektive an diesen Theorien aussetzen bzw. inwieweit lassen sich diese Theorien aus Perspektive Luhmanns kritisieren?

Vor allem interessiert mich das in Bezug auf:
1. Shmuel Eisenstadt ("Multiple Modernities")
2. Loo/Reijen ("4 Paradoxe Prozesse der Modernisierung")
3. Beck ("Reflexive" Modernisierung) --> Wobei ich Beck nicht so spannend finde, außerdem hat Luhmann sich auch explizit mit Beck auseinandergesetzt, deshalb sind m.E. die anderen Autoren interessanter...

Was denkt ihr, wie sieht Luhmann die "Moderne" im Vergleich/Gegensatz zu diesen Autoren?
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Hallo Mari,

warum auf neuere Modernisierungstheorien positionieren?

Allein der Begriff Modernisierung lässt sich auseinandernehmen. Shmuel/Eisenstadt finde ich spannend. Beck mag ich nicht so, könnte ich begründen. Und was Loo/Reijen schreiben sind doch keine paradoxen Prozesse?

Was interessiert dich an Modernisierung? Ist doch nur die zeitliche Dimension. Und Zeitdiagnosen langweilen mich, solange sie nicht sachlich und soziales mit in den Blick nehmen....
ciao, Sys
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Mari
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Na ja, Luhmann geht es ja auch ganz klar um eine Theorie der Moderne. Er würde, glaube ich, die Idee von Bruno Latour, dass es eigentlich nie einen Bruch zwischen Moderne und Vormoderne (Tradition oder wie auch immer) gab, ablehnen.
Aber in den letzten 20-30 Jahren hat sich da ja einiges getan: Viele Ideen der Modernisierungstheorien die 50er-70er Jahre sind heute nicht mehr so allgemein Akzeptiert wie früher - zumindest scheint mir das so (Große Ausnahme natürlich Francis Fukuyama).
Deshalb frage ich mich, ob Luhmann bestimmte Ideen der älteren Modernisierungstheorien übernommen hat, die im Lichte neuerer Forschung revidiert werden müssen? z.B. die globale Konvergenz der Modernisierungsprozesse: Es hat sich eindeutig eine Weltgesellschaft herausgebildet, aber es ist nicht zur Nivellierung von Zentrum-Peripherie Unterschieden und regionalen Unterschieden gekommen. Mindestens auf Ebene der Semantik haben doch Nation, Region, Kultur usw. als explizit räumliche Kategorie sogar gerade WEGEN der Entstehung einer Weltgesellschaft an Bedeutung gewonnen.

Wenn man also heute sagt, es gibt z.B. "Multiple Modernities" - wie passt das zu Luhmann. Klar - es gibt bei Luhmann sowieso eine Funktionale Differenzierung, aber bei Eisenstadt gehts doch m.M. um regionsspezifisch eigene Modernen?

Die Frage wäre also, inwieweit sind solche Ansätze (1) bei Luhmann schion enthalten, (2) geeignet, um Luhmanns Theorie zu kritisieren oder weiterzuentwickeln, (3) aus systemtheoretischer Sicht zu kritisieren

Klar, ich habe auch etwas gegen Ulrich Beck (wie wahrscheinlich alle Empiriker). Aber die Grundidee, die immer wieder vorkommt, dass in der Modernisierung bereits Mechanismen angelegt sind, die letztendlich die Errungenschaften/Entwicklungen der Moderne wieder Destabilisieren - diese Grundidee (ohne Beck polemisch-pauschalisierende Ausführungen) finde ich schon interessant. Daher frage ich mich auch, inwieweit das zu Luhmann passt.
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Hallo Mari,
danke für deine prima Ausführungen. Jetzt verstehe ich das besser. Das klingt interessant.

Trotzdem würde ich ein wenig vorsichtig mit dem Begriff Modernisierung umgehen, denn mMn höhlt er den Universalitätsgedanken aus (wegen der rein zeitlichen Dim). Deswegen habe ich ein Problem mit Beck, trotz spannender guter Soziologie von ihm: Denn leben wir inzwischen eigentlich nicht mehr in einer Risikogesellschaft? Ach nee - ist ja jetzt Informationsgesellschaft...Immer neue Erfindungen; ist für mich alles zu journalistisch/reißerisch (mich erinnert ein Artikel an ihn in dem er stolz berichtet, wie er in wenigen Tagen eine suhrkamp(?)-Buch fertig bekommen hat). Fukuyama ist für mich auch zu waghalsig gewesen. Aber ich will das nicht negativ bewerten, es belebt die Diskussion. Aber Fukuyama's These ist nach Afghanistan oder der aktuellen Devolution in Ägypten doch sicherlich obsolet, oder? Aber es lässt sich trefflich diskutieren, wie man an uns sieht Smile Also prima! - Nur... ich bleibe dann doch lieber gelassener und skeptischer....

Der Begriff Moderne bleibt trotzdem einsatzfähig. Luhmann nutzt ihn in der GdG u.a. als Abgrenzung von Regionen. (Dort zitiert er u.a. Münch/Moralische Diskurse: Das unvollendete Projekt der Moderne; oder Edward Tiryakian, The Changing Centers of Modernity (75); "Die scharfe Kontrastierung von traditionalen und modernen Gesellschaften hat man aufgeben müssen"(75). Es gibt dort eigene Kapitel "XVIII. Modernisierung" oder "XXIII. Die sogenannte Postmoderne. Also wenn man Zeit hätte, könnte man dort bestimmt einiges finden.

Fazit: Ich glaube kaum, dass diese Ansätze Luhmanns Theorie ernsthaft was anhaben können. Weiterentwicklung der weltgesellschaftstheoretischen Gedanken (Bettina Heintz, Rudolf Stichweh) sind da vermutlich fruchtbarer. Zumindest ist das meine subjektive Einschätzung (kann falsch liegen).

Irgendwie finde ich es interessant, dass du dich als Empiriker bezeichnest Smile na ja - bin ich auch irgendwie.... aber nur um ein wenig Theorie abzugleichen... aber nicht zu dolle.....

Viel Spaß noch bei dem Thema, oder bist du auf Themensuche?

Ich kümmere mich weiter erst polSoz-mäßig um das Biotop-Modell (Werner Patzelt) im Vergleich zu Luhmann; war mal interessant wieder in alte Gefilde abzuschweifen... (bin mal wieder länger offline...)


ciao, Sys
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Mari
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Luhmann hat sich doch, wenn ich mich nicht irre, entschieden gegen eine Regionale Differenzierung der Welt ausgesprochen. Oder hat sich das in seinem Spätwerk geändert? So weit ich weis gibt es bei Luhmann höchsten regionale Exklusion.
Wie könnte man also mit Luhmann regional unterschiedliche Entwicklungen begreifen?

Natürlich bereitet mir der ganze Begriff der "Modernisierung" großes Unbehagen. Aber dennoch ist ja z.B. die Frage aktuell, ob Wirtschaftswachstum automatisch zu Demokratisierung führen wird, oder ob Rechtsstaatlichkeit/Rule of Law voraussetzung für Wirtschaftswachstum ist usw.

Mit Luhmann müsste man ja zumindest annehmen, dass irgend eine Region an die Funktional Differenzierte Weltgesellschaft angepasst sein muss - z.B. gibt es innerhalb China sicher keine vollständige Funktionale Ausdifferenzierung von Wirtschaft und Massenmedien (bei Recht bin ich mir nicht sicher), trotzdem scheint die Region keine großen Probleme mit der funktional Differenzierten Weltwirtschaft, Weltpolitik usw. zu haben. Ist das nun eine rein zeitliche Angelegenheit (wie die klassische Modernisierungstheorie und der IMF bis heute annimmt: China wird demnächst genauso sein wie wir!), oder ist das eine funktional Äquivalente Lösung die zu einer regionalen Diversität innerhalb einer funktional Differenzierten Weltgesellschaft führt?

Und wie kann man überhaupt eine Sonderentwicklung der Region China Systemtheoretisch formulieren? (meintewegen auch der Region Indien, Russland, Somalia - China ist nur z.Zt. medial am präsentesten) Gibt es da überhaupt entsprechende Begriffe, die eine Formulierung meiner Frage erlauben?

Dann auch die Frage: Wie kann man mit Luhmann einschätzen, welche regionalen Strukturen einfach anders / funktional äquivalent zum europäischen/amerikanischen Modell stattfinden, und welche regionalen Strukturen tatsächlich als Entwicklungsdefizit zu verstehen sind? Mit der klassischen Modernisierungstheorie war das einfach: Alles, was anders ist als im Westen, ist ein Entwicklungsdefizit. Diese Haltung ist inzwischen (mit Multiple Modernities usw.) nicht mehr salonfähig - aber wie könnte eine systemtheoretische Alternative aussehen?

Die Frage interessiert mich einfach so, hat keinen Bezug zu meinem Forschungsthema Smile

cu
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In GdG müsstest du alle Antworten zu deinen Fragen finden. Hier nur ein paar Ausschnitte:

China ist eben in Teilen stratifikatorisch also auch funktional ausdifferenziert.

Bzgl. regionaler Differenzierung oder regional unterschiedlicher Enwticklungen siehe GdG. Natürlich ist Inklusion/Exklusion trennschärfer, trotzdem nutzt Luhmann den Begriff der Moderne (vermutlich, wie auch schon an anderen Stellen, um es den Lesern leichter zu machen).

Und dass "China wird demnächst genauso sein wie wir!" ist Kaffeesatzleserei. Es gibt genug funktionale Äquivalente in stratifikatorischen Systemen, die eine zwangsweise Evolution hin zu funktionaler Differenzierung nicht rechtfertigen, bspw. reiche Aristokraten, die die Gesundheitsvorsorge ihrer Bediensteten übernahmen.

Die systemtheoretische Alternative ist, dass es keine Alternative zu diesen mit Verlaub unterkomplexen Pseudo-Theorien oder reinen Zeitdiagnostiken gibt. Journalistisch sind sie trotzdem spannend und generieren interessante Forschungsfragen.

cu
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timpane
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Klar, ich habe auch etwas gegen Ulrich Beck (wie wahrscheinlich alle Empiriker). Aber die Grundidee, die immer wieder vorkommt, dass in der Modernisierung bereits Mechanismen angelegt sind, die letztendlich die Errungenschaften/Entwicklungen der Moderne wieder Destabilisieren - diese Grundidee (ohne Beck polemisch-pauschalisierende Ausführungen) finde ich schon interessant. Daher frage ich mich auch, inwieweit das zu Luhmann passt.
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Luhmann und neuere Modernisierungtheorien
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