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Paradoxien und Selbstbeschreibungen?
Paul
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Luhmann spricht immer wieder von Paradoxien, wenn die Rede auf Selbstbeschreibungen fällt. Ich kann diese aber einfach nicht finden. Darum lege ich nachfolgend kurz mein Verständnis von Selbstbeschreibungen dar. Möglicherweise verhindern Missverständnisse, dass ich die Paradoxien sehen kann.

Selbstbeschreibungen sind zunächst einmal Beschreibungen und als solche eine Sequenz von Beobachtungen die Struktur produzieren. So sind sie Resultat einer Selektion und dadurch in einer gewissen Weise determiniert, andererseits begrenzen sie den Raum von Möglichkeiten für den Anschluss weiterer Operationen. Damit ein System sich selber beschreiben kann, muss es Unterscheidungen vornehmen: Ich beschreibe mich und nicht irgendetwas anderes. Besteht nun hier die Paradoxie, in der Einheit der Differenz, d. h. darin dass das System nur im System operieren kann, dafür einen unmarkierten Raum voraussetzen muss und bei der Selbstbeschreibung die Einheit der Differenz wieder in die Unterscheidung eintritt?

Rolling Eyes
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Paradoxien
Michael
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Eine Beschreibung, also eine manifeste Beobachtung, muss unterscheiden zwischen dem, was beschrieben wird und dem, was nicht beschrieben wird. Will sich ein System selbst beschreiben (wozu nur bestimmte, komplexe Systeme in der Lage sind), muss unterschieden werden zwischen dem, was beschrieben wird (das System) und dem, was in diesem Augenblick nicht System ist (der ganze Rest inklusive dem Beschreibenden). Nun ist jedoch der Beschreibende laut Ausgangsfrage Bestandteil des Systems - und dies dürfte bereits eine der Paradoxien sein.

Konkret: Fertigt die Soziologie eine Selbstbeschreibung der Gesellschaft mit einer Theorie xy an, die für sich Wahrheit beansprucht, dann müßte diese Beschreibung auch diese Theorie beinhalten können. Die Theorie müßte also Aussagen über wahr/unwahr bezüglich der Theorie selbst liefern können (und kommt in eine Paradoxie, denn sie könnte die Theorie nur als wahr bezeichnen, weil sonst die gesamte Beschreibung unwahr wäre).
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Selbst-/Fremdreferenz
Paul
Einsteiger

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Danke für Deine Antwort. Das leuchtet mir einigermassen ein. Vermutlich kommt es aufgrund von Selbstreferentialität der Systeme bei Luhmann immer wieder zu solchen Paradoxien, die psychische Systeme leicht zum Oszillieren bringen können. Dies wird nicht zuletzt eine der Gründe sein, wieso seine Theorie immer wieder mal auf Ablehnung stösst. Wink

Um auf die Paradoxie der Selbstbeschreibung zurückzukommen: Ist die Konstruktion der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz dann quasi der Trick des Systems um mit der Paradoxie klar zu werden? Das sich beschreibende System kann ja nur systemintern operieren und ist eigendeterminiert.
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Michael
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Selbstreferenz bedeutet nichts weiter als "zirkuläres" Operieren, also das System wendet die Ergebnisse der eigenen Operationen gleich wieder auf sich selbst an (ein gedachter Gedanke ist Ausgangspunkt des nächsten z.B.). Das System wird durch eigene Strukturen und Operationen determiniert.

Bei Fremdreferenz bezieht sich dies auf die Systemumwelt: So könnte eine Person die weihnachtliche Geschenksendung eines Unternehmens als Rabatt-"Zahlung" für künftige Käufe verstehen (was es nicht ist). Verständnisprobleme entstehen wohl eher dadurch, dass der Code eines Systems unter Verweis auf beide Referenzen verwendet werden kann.

Selbstbeobachtung, etwa der Gesellschaft, wird dann erforderlich/möglich, wenn ein System durch das eigene Operieren die Form erzeugt (Gesellschaft erzeugt sich durch Kommunikation selbst und umfasst dynamisch die gerade stattfindenden Kommunikationen, es schrumpft und wächst sozusagen ständig als Form) und genau hier wird die Unterscheidung von Fremd- und Selbstreferenz zwingend (und zur damit zur System-Umwelt-Unterscheidung). Es ermöglicht dann ein Zuordnen von Themen (auf das System oder auf die Umwelt) und eine Selbstbeschreibung an Hand von Texten.

Eigentlich muss das alles noch nicht einmal eine Paradoxie sein. Vielleicht ist es nur Evolution?

Natürlich klingt die "Differenz von Selbst- und Fremdreferenz" "very tricky" und vermutlich erstaunt es uns - aber es ist genau so erstaunlich/abstrus/unglaublich (oder besser: normal!) wie das Verhalten von Großstädtern in der Paarungszeit...
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Re: Paradoxien und Selbstbeschreibungen?
solveig
von Luhmann begeistert

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Paul hat Folgendes geschrieben:
Luhmann spricht immer wieder von Paradoxien, wenn die Rede auf Selbstbeschreibungen fällt. Ich kann diese aber einfach nicht finden.


GLU S. 131 ff.
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Vom Paradoxie-Begriff zur Luhmann-Kritik
rowebi
Einsteiger

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Hallo Leute,

bin auf einen Aufsatz von Walter L. Bühl gestoßen, der sich sehr dezidiert mit dem Luhmannschen Paradoxie-Begriff auseinander setzt ("Luhmanns Flucht in die Paradoxie", in: Die Logik der Systeme. Zur Kritik der systemtheoretischen Systemtheorie, Konstanz 2000 bzw. http://www.vordenker.de/buehl/wlb_luhmann-flucht-paradoxie.pdf ). Derselbe hat sich auch mit der Autopoiesis beschäftigt und kommt zu gänzlich entgegen gesetzten Auffassungen ("Grenzen der Autopoiesis" in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Nr. 39, 1987, p.225-254 bzw. http://www.vordenker.de/buehl/wlb_grenzen-autopoiesis.pdf).

Ich habe in den Forumsbeiträgen gelegentlich von "Luhmann-Kritikern" gelesen. Aber von dieser Sorte ist Bühl ja wohl kaum.

Daher meine Frage, welcher Luhmann-Experte hat den Luhmann-Kritiker Bühl widerlegt und wo wäre das nachzulesen?

Grüsse Rowebi
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Kusanowsky
Luhmann-Kenner

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Beiträge: 123
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Die Systemtheorie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie den Begriff der Selbstreferenz ins Zentrum stellt und damit ihr eigenes Gegenstandsverhältnis beschreibt: "Theorien mit Universalitätsanspruch sind leicht daran zu erkennen, daß sie selbst als ihr eigener Gegenstand vorkommen (denn wenn sie das ausschließen wollten, würden sie auf den Universalitätsanspruch verzichten müssen)."(1) Wenn Beobachter und Gegenstand nicht in dieser Weise getrennt werden, sondern Selbstreferenz bereits am Anfang der Theorietechnik stehen, dann können Methoden der Beschreibung nicht nach bekannten Verfahren ins Spiel gebracht werden. Womöglich unterstellen sie sogar, dass theorieunabhängig eine Methode die gleiche Gegenstandserkenntnis bringen würde, wenn sie also Beobachter - Theorie - Methode - Gegenstand konstitutiv auseinanderziehen. Selbstreferenz an den Anfang zu setzen bedeutet daher, sich selbst als Element der sozialen Realität zu verstehen, wovon Wissenschaft auch ein Element ist usw. Das läuft dann darauf hinaus, auch Wissenschaft und Methoden auch als Formen von Selbstbeschreibungen aufzufassen.

(1) Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, S. 11.
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Paradoxien und Selbstbeschreibungen?
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