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Luhmann Test allgemein
ab-uno
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Anmeldedatum: 22.01.2009
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Einen schönen guten Tag,

grundsätzlich muss ich sagen, dass mir die Idee gut gefällt, „Luhmann“ online auf eine spielerische Art vermitteln zu wollen. „Luhmann“ (als Name für eine Fülle von Ideen und Positionen, die sich um die Erforschung sozialer Systeme bemühen) eröffnet ein begriffliches Gebiet, das es erlaubt, Phänomene moderner Gesellschaften (funktionaler Differenzierung) auf eine Weise zu beobachten, die den Phänomenen angemessener zu sein scheint. Zumindest wenn man grundsätzlich von einer Skepsis gegenüber Erklärungsmodellen getrieben ist, die den Menschen ins Zentrum stellt. Erst auf dieser Kontrastfolie wird „Luhmann“ überhaupt als Alternative erkennbar. Wird das übersehen, zerfällt die Brisanz seiner Untersuchungen und er wird eingereiht in die Linie der Menschen, die es besser wissen wollen als andere. Dann kann man nur noch Fan sein oder eben nicht. Fans neigen dann dazu Begriffe „Luhmann“s zu hypostasieren und Luhmann selbst zu vergöttlichen. Was dann dazu führt, dass alle Nichtfans sich bestätigt fühlen, dass „Luhmann“ mal wieder einer ist, der glaubt es besser zu wissen. Dann kann gesagt werden, manche fallen eben darauf rein und manche nicht; das ist menschlich.

Um dieser Alternative zu entgehen, muss die Brisanz „Luhmann“s hervorgehoben und gezeigt werden, welche Konsequenzen „Luhmann“ aus welchen Prämissen zieht. Denn eigentlich geht es um die Prämissen, die rekursiv mit den Konsequenzen verknüpft sind. Die Ausführungen „Luhmann“s sind Folgerungen aus bestimmten Theoriedispositionen, die „Luhmann“ nur dadurch begründen kann, dass er sie plausibilisiert. Das ist ein Zirkel, aus dem nur ein Beobachter austritt, der System und Umwelt beobachtet. Dann zeigt sich nicht nur, dass „Luhmann“ nicht der einzige ist, der soziale Systeme beschreibt, sondern dass er wie alle, die beschreiben, bestimmte Prämissen voraussetzt, die er nicht begründet; bzw. gar nicht begründen kann. So ist die Annahme, dass Gesellschaft nicht aus Menschen besteht, die kommunizieren, sondern aus Kommunikation kontraintuitiv und nicht begründbar. Einzig die Folgerungen, die er zieht, können, wenn sie plausibel genug sind, auch die Annahmen rekursiv plausibilisieren, die sich dann durchsetzen können, aber nicht müssen. Wahrheit ist eben keine objektive Qualität, sondern Medium, das nur dadurch entsteht, dass es Kommunikation gibt, die sich als wahr bezeichnet. Wahrheit ist eingebunden in evolutionäre Kontexte.

Eben darum ist es problematisch, „Luhmann“ so darzustellen als gehe es um Wissensvermittlung. Als hätte „Luhmann“ etwas entdeckt, was es vorher nicht gab und das nun vermittelt werden müsste. Das ist ein enzyklopädisches Projekt, das, wenn „Luhmann“ ernst genommen wird, nicht gelingen kann. Darum ist es äußerst problematisch, einen Test über „Luhmann“ so zu gestalten als gäbe es für jede Frage eine adäquate Antwort. Bei manchen Fragen gelingt das. Aber das ist nur der Konstruktionsleistung des Fragenden zu verdanken und nicht der Sache selbst. Wie auch immer. Ich habe bei dem sogenannten „Test“ mitgemacht. Er ist ja teilweise wirklich lustig gestaltet, aber einige Antworten haben mich dann doch etwas verärgert. Um dieser Verärgerung ein wenig Luft zu verschaffen, folgt eine Auswahl unsystematisch gegliederter Kritikpunkte:

I. Die Frage was zur Umwelt des Wirtschaftssystems gehört, kann nicht nur mit der Antwort: das politische System gelöst werden. Denn das Wirtschaftssystem ist auch an die Gesellschaft gekoppelt, als die Einheit aller Kommunikationsdifferenzen.

II. Die FRAGE: Die Funktion des Wirtschaftssystems besteht... wird falsch beantwortet, wenn die Antwort: „in der Sicherstellung künftiger Versorgung unter Bedingungen der Knappheit“ als richtige Antwort gewertet wird. Denn die Funktion der Wirtschaft kann auf viele Weisen gesehen werden, je nachdem wer beobachtet. Dass Wirtschaftssysteme sich selbst gern so beschreiben als ginge es um die Sicherstellung künftiger Versorgung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Wirtschaft nur um Fortsetzung der Kommunikation geht. Ein Beobachter kann das sehen, wenn er die Unterscheidung hinterfragt, mit der Wirtschaft sich selbst beschreibt. Dann kann gesehen werden, dass Wirtschaft die Funktionen erfüllt, die sie erfüllt, solange sie sie erfüllt. Es lässt sich für das Gesamtsystem Gesellschaft kein Standpunkt konstruieren, von der aus die "tatsächliche" oder „wahre“ Funktion beschrieben werden könnte. Welche Funktion die Wirtschaft zum Beispiel für die Kunst hat, ist gar nicht so klar. Der Kunstmarkt ist nicht Teil der Kunst, sondern der Wirtschaft. Und Ressourcen werden eher vom politischen System bereitgestellt. Diese werden zwar von der Wirtschaft generiert, aber nicht, weil so die Wirtschaft ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt, sondern als Nebenprodukt erfolgreicher wirtschaftlicher Autopoiesis. Dass es in einer funktional differenzierten Gesellschaft naheliegt nach der Funktion zu fragen, leuchtet ein. Aber das darf nicht dazu verführen zu glauben, autonome Kommunikationssysteme operierten entlang bestimmter notwendig zu erfüllender gesellschaftlicher Funktionen. Die Funktion von Kommunikationssysteme ist eine evolutionäre Stabilisierung von Unwahrscheinlichkeiten bestimmter Kommunikationsformen, im Fall der Wirtschaft von Kommunikation über Eigentum, Besitz, etc. Funktionssysteme erfüllen keine Funktion für die Gesellschaft, sondern funktionieren, weil es in evolutionären Zusammenhängen wahrscheinlich ist, dass es zu Kommunikationsproblemen kommt, die nach einer Lösung verlangen.

III. Nicht nur K-Systeme einer gewissen Komplexitätsstufe können sich beobachten. Alle autopoietisch selbstreferentiellen Systeme können sich selbst beobachten, das gelingt zwar nie vollständig, aber immer wieder. Genau genommen sind autonome Kommunikationssysteme in funktional differenzierten Gesellschaften mit nichts anderem beschäftigt als sich selbst zu beobachten, sie stabilisieren sich eben auf der Beobachtungsebene 2. Ordnung. Das trifft auch für psychische Systeme zu, die von einer einer funktional differenzierten sozialen Umwelt umgeben sind.

IV. Die FRAGE: Irritationen eines Systems... wird falsch (verkürzt) beantwortet, wenn die Antwort: „werden im System selbst erzeugt“ als richtige Antwort gewertet wird. Denn es ist zwar richtig zu sagen, autopoietisch selbstreferentielle Systeme können sich nur an die eigenen Operationen halten und nicht in ihrer Umwelt operieren, aber diese Systeme müssen auch mit der Unterscheidung System/Umwelt operieren. Das können sie zwar nur im System, aber diese Differenz ist primär, sie ist systemkonstituierend. Denn diese Systeme können sich auch selbst irritieren, sich selbst verwirren etc. Sie müssen also notwendig zwischen Selbst und Fremdreferenz unterscheiden können. D. h. der Sachverhalt ist etwas komplizierter als die so formulierte Frage nahelegt. Wenn man eine Affinität für paradox zugespitzte Formulierungen hat, kann man gern so formulieren. Aber das geht meines Erachtens an der Komplexität des Sachverhalts vorbei. (siehe auch Maturana & Co.)

V. Die FRAGE: Das lebende System Mensch ist strukturell gekoppelt… wird falsch beantwortet, wenn die Antwort: „an Wasser, Eiweiße, Kohlenhydrate usw.“ als richtige Antwort gewertet wird. Um diese Antwort zu rechtfertigen, müsste vom „organischen“ System gesprochen werden. Der Mensch ist als lebendes System auch psychisches System und damit an Gesellschaft gekoppelt, an andere psychische Systeme usw.

VI. Zum Rechtssystem gehört auch der Richter, das Gerichtsgebäude und die Gesetze. Alle diese Dinge haben kommunikative Funktion. Der Richter ist eine Funktionsstelle im Kommunikationssystem Recht, ebenso wie das Gerichtsgebäude und die Gesetze.

VII. Der Staat ist doch nicht die Selbstbeschreibung des politischen Systems. So kann das nicht formuliert werden. Der Begriff des Staates in Bezug auf die Differenz von Staat und Gesellschaft kann der Selbstreflexion des politischen Systems dienlich sein. Muss es aber nicht. Der Begriff ist so emotional geladen, dass er zugleich als Pauschalbegriff für die Einheit der gerade herrschende politischen Kaste verwendet werden kann, von dem sich abzugrenzen gilt. Und genau diese Abgrenzung kann dann besonders politisch sein. Dann dient der Begriff aber nicht der Reflexion des politischen Gesamtsystems, sondern nur einer kritischen Markierung der Menge der gerade herrschenden Politiker. Außerdem: Das politische System kann sich selbst auch anhand von Begriffen wie „Demokratie, repräsentative oder direkte, Republik, Monarchie, Nationalsozialismus, Kommunismus“ usw. reflektieren. In diesem Zusammenhang wird dann auch gern auf den Begriff des Staates zurück gegriffen, um die Einheit des Systems zu markieren, der darum aber noch nicht „die Selbstbeschreibung des politischen Systems“ ist.

VIII. Die Umwelt des Universums zu bestimmen ist aus religiöser Sicht möglich: Gott. Wissenschaftliche Erklärungen haben gegenüber anderen Arten der Erklärung keinen höheren Status, auch wenn das wissenschaftliches Selbstverständnis ist. Letztendlich ist es eine Frage des Standpunkts des Beobachters, aber nicht ob er außerhalb oder innerhalb steht, sondern welche Systemreferenz er verwendet. Und genau genommen ist sich bei dieser Frage auch die Wissenschaft nicht einig. Denn es gibt durchaus Theorie, die mit Vorstellungen von Multiversen arbeiten. Dann finden sich in der Umwelt von Universen eben andere Universen.

IX. Natürlich kann strukturelle Arbeitslosigkeit vom politischen System auch als typisches Problem industrialisierter Staaten gesehen werden. Vom politischen System kann vieles auf verschiedene Weise beobachtet werden. Politische Systeme kommunizieren zwar im Medium von Macht, aber sie koppeln sich auch ans Wissenschaftssystem usw. Die Grenzen der Politisierung wissenschaftlicher Kommunikationsbeiträge liegen, noch bevor das politische System darauf Zugriff gewinnt, in der Struktur des psychischen Systems, es ist der unsichtbare Dritte neben Alter und Ego. Dabei ist es ohne Zweifel an das semantische Repertoire seiner Zeit mehr oder weniger gebunden. Aber die Kombinationsmöglichkeiten sind dennoch immens. Ob das, was ein P-Beobachter beobachtet von einem anderen P-Beobachter als Kommunikationsbeitrag beobachtet wird und so als Kommunikation Eingang in das Politische System findet, hängt dann von der Struktur des K-Systems, das ist nicht zu leugnen. Aber jedes Ereignis ist, wenn es kommuniziert wird, bipolar besetzt. Es beobachten P-Systeme anders als K-Systeme. Die strukturelle Kopplung von K- und P-Systemen, die über Kommunikationsformen (beliebt über Sprachformen) vermittelt wird, und mal mehr mal weniger erfolgreich funktioniert, bedeutet auch, dass jedes System auf eigene Weise daran beteiligt sein muss. Das bedeutet auch, dass jedes Kommunikationsereignis politisierbar ist. Je nachdem, wer sich wann dafür einsetzt. Beispiel ist das politisch viel diskutierte Thema des „Grundeinkommens für Jeden“. Befürworter gehen davon aus, dass weil Arbeitslosigkeit strukturelle Arbeitslosigkeit ist, d. h. notwendiges Nebenprodukt funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung, es andere Formen geben muss, damit umzugehen. Geld soll von Leistung abgekoppelt werden, und allein der Aufrechterhaltung des Geldflusses dienen. Wer dann noch arbeitet, arbeitet, weil er sich seiner sozialen Verantwortung bewusst wird usw. Es soll hier nicht die gesamte durchaus problematische Diskussion aufgerollt werden, die an vielen Stellen der Kritik würdig ist. Diese Überlegungen verdeutlichen aber, dass die Grenzen des politischen Systems nicht inhaltlich zu bestimmen sind, sondern nur formal. Somit ist prinzipiell jedes Thema politisierbar.


Das Alles ist natürlich nur meine Meinung: wer anderer Meinung ist, sei es.

Grüße von Einem (ab uno)
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ein anderer
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kleine Anmerkung zu Punkt VIII,

Bin ganz bei dir, ab-uno. Nur meines Wissens Luhmann nicht: Für ihn hat das Universum (die Welt) keine Umwelt.
LG!
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ab-uno
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Hallo ein anderer,
im Übrigen ein sehr schöner Name Cool. Aber so weit ich informiert bin, steht darüber zumindest nichts in seinen (Luhmanns) soziologischen Schriften. Dort versucht er meines Erachtens die Unterscheidungen zu untersuchen, die auf geschlossene Kommunikationszusammenhänge, also K-Systeme, hinweisen. Und diese beobachtet er in Hinsicht auf Schließung nach innen, Autopoiesis, Selbstbeschreibung, Öffnung nach außen usw. Dabei beobachtet er sich auch selbst als jemand der Beiträge zur Soziologie leistet. Und für die Soziologie gibt es tatsächlich keine Möglichkeit einen Standpunkt außerhalb des Universums zu bestimmen. Aber, so weit ich mich erinnere, versucht er auch anderen K-Systemen gerecht zu werden, und in Hinsicht auf Religion kann dann mit Luhmann beobachtet werden, dass, um das Ganze im Ganzen markieren zu können, die Religionen einen Standpunkt außerhalb des Ganzen (Universums) benötigen, den sie zumeist mit "Gott" bezeichnen. Jeder der eine universalistische Perspektive auf das Universum anstrebt, muss, auch wenn das als Denkakt, Kommunikation, etc. nur innerhalb des Systems passieren kann, einen Stdpkt. außerhalb zumindest annehmen, von dem dann beobachten werden kann. Dabei kann dann gesehen werden, dass das menschliche Erkenntnisvermögen nicht in der Lage ist, kosmologische Fragen zu beantworten (Kant winkt grinsend aus der Ferne als hätte er es bereits vor über 200 Jahren gewusst Smile ), weil jede Beobachtung immer nur Beobachtung von etwas ist usw. und nicht gesehen wird, was nicht gesehen wird usw. Aber wird davon ausgegangen, dass es keinen privilegierten Standpunkt gibt, dann kann Soziologie nicht gegen Religion etc ausgepielt werden. By the way sei noch einmal daran erinnert, dass es auch in der Physik Vorstellungen von Multiversen gibt. Und die leugnet Luhmann ganz sicher nicht. Er beobachtet eben als Soziologe und nicht als Physiker, Gläubiger etc.

Ebenfalls LG
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ein anderer
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Hallo,

überführt! Meine Quelle ist nicht Luhmann selbst, sondern die unterhaltsame Luhmann-Einführung (L beobachtet) von Peter Fuchs (1992) (insofern also auch kein geringer), wo's auf p 87 heißt: "Daraus folgt, dass die Welt kein System ist, denn sie lässt sich gar nicht mit der Unterscheidung von System und Umwelt beobachten. Sie hat ja gar keine Umwelt."

Ich persönlich halte das natürlich auch für Blödsinn - ist halt auch ein bissl Luhmann's/Fuchs' Engführung des System-Begriffs.
Mich würd aber stark interessieren, wenn du Literatur hast, in welcher Systemdenken und Transzendenz (Umwelt des Universums) verbunden wird!!!
Herzlichen Dank und Gruß ebenso

der andere
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Luhmann Test allgemein
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