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Integration bei Luhmann
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Einsteiger

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Hallo!

Ich habe eine Frage bezüglich der Integration bei Luhmann.

So wie ich es verstanden habe, kommt Integration bei Luhmann ausschließlich durch Interdependenzen zwischen den ausdifferenzierten Funktionssystemen zustande. Weiterhin sagt Luhmann, dass der Ausfall eines Funktionssystems, bzw. das nicht mehr Funktionieren eines solchen, Irritationen bei den anderen Systemen stiftet. Der Möglichkeitsspielraum der anderen Funktionssysteme, mit diesen Irritationen oder Störungen aus der Umwelt umgehen zu können ist demnach, so wie ich es verstanden habe, das einzige Integrationsprinzip bei Luhmann?!? Da einzelne Systeme ja faktisch nicht immer in Luhmanns Verständnis "funktionieren" (aktuelles Beispiel: Wirtschaftskrise...) muss das Integrationsprinzip ja sein, mit Störungen umzugehen. Ich halte diese Argumentation für ein wenig schwach, da ich mir nicht vorstellen kann, dass hochdifferenzierte Gesellschaften in diesem Sinne "integriert" (intern!) sein können... Nun, ich habe auch noch nicht so viel von Luhmann gelesen und wollte daher fragen, ob er nicht auch noch von anderen Intergrationsprinzpien ausgeht (normative Ordnung, etc.) oder wie Integration in Luhmanns Sinne (so wie ich es hier dargestellt habe) tatsächlich funktionieren soll?
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Kusanowsky
Luhmann-Kenner

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Die Differenzierungsform der modernen Gesellschaft geschieht funktional durch Ausdifferenzierung entsprechender Teilsysteme.
„Gesellschaftsstrukturell gesehen differenziert sich die Gesellschaft in Teilsysteme, die nicht mehr durch eine allen Systemen gemeinsame Grundsymbolik integriert werden können. Die einzelnen funktionalen Teilsysteme … operieren stes aus ihrer jeweiligen funktionsspezifischen Perspektive …”

Nassehi, Armin: Inklusion, Exklusion - Integration, Desintegration. Die Theorie funktionaler Differenzierung und die Desintegrationsthese. In: ders.: Differenzierungsfolgen. Beiträge zur Soziologie der Moderne. Opladen, Wiesbaden 1999, S.108

Diese Spezialisierung hat jedoch notwendigerweise Interdependenzen zur Folge, weil aufgrund der autonomen Funktion jedes System von den Leistungen anderer Funktionssysteme wiederum abhänigig ist. So könnte man die Integration der Systeme als eine paradoxe Struktur ihrer Verkoppelung betrachten. Sie sind abhängig-unabhängig und redproduzieren damit die Differenzierungsform der ganzen Gesellschaft in sich selbst. Die Systeme sind damit gleichsam fraktale Gebilde.
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Schmidtmarko
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Integration könnte als die gegenseitige Einschränkung der Freiheitsgrade von Systemen beschreiben werden.
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Kusanowsky
Luhmann-Kenner

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Luhmann hatte sich dazu entschieden, den Aspekt der Systemintegration in eine Unterscheidung von Formen der Systemdifferenzierung zu überführen, die jeweils kontrollieren, wie Teilsysteme aufeinander verweisen und folglich voneinander abhängig sind. Deshalb benutzt er weiterführend die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion. (1) Systemintegration bedeutet dann die Einschränkung von Freiheitsgraden durch das Verhältnis der Teilsysteme einer Gesellschaft zueinander. Je nach Gesellschaft findet man entsprechend verschiedene Formen der Differenzierung in Teilbereiche; und je nach dem, wie diese zu einander in Beziehung stehen, ergeben sich Formen dessen, was in dieser Gesellschaft für möglich erachtet wird. Inklusion ist hier „Chance der sozialen Berücksichtigung von Personen” durch Teilsysteme wie Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik u.a. (2 ). Das heißt, „daß das Gesellschaftssystem Personen vorsieht und ihnen Plätze zuweist, in deren Rahmen sie erwartungskomplementär handeln können”. Personen sind in dieser Terminologie Adresspunkte für Kommunikation in sozialen Kommunikationssystemen.

(1) Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1997, S. 619.
(2) ebd. S. 620/621
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MasterP
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Man muss ja zwischen Systemintegration (wie die gesellschaftlichen Strukturen miteinander wirken) und Sozialintegration unterscheiden (wo bleibt der Mensch?)
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Kusanowsky
Luhmann-Kenner

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David Lockwood fasst die Unterscheidung von System- und Sozialintegration folgendermaßen auf: „Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konliktgeladenen Beziehungen zwischen den Teilen eines sozialen Systems.“ (1) Bei Anthony Giddens (2) findet sich in seiner „Theorie der Strukturierung“ diese Unterscheidung ebenfalls. Dabei geht es um eine Überwindung des scheinbaren Gegensatzes von subjektivistisch orientierten Handlungstheorien einerseits und objektivistisch ausgerichteten Strukturtheorien andererseits. Giddens versucht Gesellschaft als Strukturzusammenhang und zugleich als Handlungskonsequenz zu beschreiben. Danach ist das soziale Leben als ein permanenter Vorgang rekursiver Reproduktion zu verstehen. Die Begriffe Handlung und Struktur sind dabei ohne Priorität ineinander verwoben: Strukturen erscheinen nicht als abstrakte Muster, die über den Individuen schweben, sondern sind Bedingungen und Resultate des Handelns. Strukturen sind, wie Giddens an anderer Stelle formuliert, „chronisch in das Handeln selbst eingebettet“ (3), so dass von einer prinzipiellen „Dualität der Struktur“ ausgegangen werden muss: Es gibt keine Struktur ohne Handlungen und keine Handlungen ohne die Beeinflussung durch Strukturen. Der Strukturbegriff als Pendant zum Terminus der Handlung verweist auf Regeln und Ressourcen in der Reproduktion sozialer Systeme, die als institutionalisierte dauerhafte Gegebenheiten erst im Handeln der Akteure real werden.
Uwe Schimank (4) hat systemtheoretische mit akteurstheoretischen Überlegungen verbunden: Handlungsprägende und handlungsfähige Systeme konstituieren gemeinsam soziale Wirklichkeit, wobei soziale Systeme einerseits als Kontingenzbestimmungen fungieren, andererseits aber als sich-selbst-erfüllende Akteurfiktionen rekonstruieren lassen: „Die Begriffe 'Struktur' und 'Handeln' bezeichnen so die allein analytisch unterschiedenen Momente der Wirklichkeit strukturierter Handlungssysteme. Strukturen selbst existieren gar nicht als eigenständige Phänomene oder Praktiken menschlicher Individuen. Struktur wird immer nur wirklich in den konkreten Vollzügen der handlungspraktischen Strukturierung sozialer Systeme [...].“ (5)

(1) Lockwood, David: Soziale Integration und Systemintegration. In: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln, Berlin 1970. S. 124 - 137, S. 125.
(2) Giddens, Anthony: Die Konstitution der Gesellschaft: Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt/M., New York 1988.
(3) Giddens, Anthony: Die „Theorie der Strukturierung“. Ein Interview mit Anthony Giddens. In: Zeitschrift für Soziologie, 17, 1988, S. 286 – 295, S. 290.
(4) Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. Opladen 1996, S. 204f. Ders.: Gesellschaftliche Teilsysteme als Akteurfiktionen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1988, S. 619 - 639. Ders.: Der mangelnde Akteurbezug systemtheoretischer Erklärungen gesellschaftlicher Differenzierung – Ein Diskussionsvorschlag. In: Zeitschrift für Soziologie, 1985. S. 421 - 434.
(5) wie Anm. (3), S. 290.
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peter9091
Einsteiger

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Integration könnte als die gegenseitige Einschränkung der Freiheitsgrade von Systemen beschreiben werden ......
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Kusanowsky
Luhmann-Kenner

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Das heißt auch, dass Integration, wenn sie als Reduktion der Freiheitsgrade von Teilsystemen verstanden wird, den Teilsystemen die Außengrenzen des Gesellschaftssystems und der damit abgegrenzten internen Umwelt dieses Systems verdanken. (1) Dabei handelt es sich gar nicht um ein harmonisches Zusammenwirken der Einzelsysteme, sondern um die Kommunikation durch die Differenz von Kooperation und Konflikt. Damit erfüllen auch Konflikte ihre Funktion für die gesellschaftliche Autopoiesis dadurch, dass sie Strukturbildungen und neue Strategien der Problemlösung anregen. Hinsichtlich der sozialen Umwelt der systeminternen Umwelt dieser Teilsysteme zeigen sich aber nun in Sachen Selbstbeschränkung von Freiheitsspielräumen ganze andere Ausgangsbedingungen: Jetzt können wir alles, auch das, was wir nicht dürfen (2), weil die Systemintegration auch ohne eine Differenz von Kooperation und Konflikt abläuft, wenn erkennbar wird, dass niemand mehr exludiert wird. Interessant ist daher die Frage, wie die Systeme in ihre Programme "Stoppregeln" einbauen ohne sich auf eine gesamtgesellschaftliche Rationalität und Ethik verlassen zu können.

(1) Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M.1997, S. 603.
(2) Siehe zu Analysen über die gegenteilige Behauptung: Vgl. ebd. Fn. 20.
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Integration bei Luhmann
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